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Nur wer die Sehnsucht kennt,
weiß, was ich leide!
Allein und abgetrennt
von aller Freude,
seh ich ans Firmament
nach jener Seite.
Ach! der mich liebt und kennt,
ist in der Weite.
Es schwindelt mir, es brennt.
Mein Eingeweide.
Nur wer die Sehnsucht kennt,
weiß, was ich leide!
(Goethe)
Genauso wie Goethe leiden wir alle mindestens einmal, wenn nicht sogar mehrmals in unserem Leben an Liebeskummer. Er kann Triebfeder für die rührendsten Gedichte, die schönsten Lieder und die herzzerreißendsten Filme sein. Er kann aber auch zu Depressionen und Eifersucht, im schlimmsten Fall zu Selbstmord oder sogar zu Mord führen. Wie ein Mensch Liebeskummer verarbeitet und wie er mit ihm umgeht, ist ganz individuell verschieden. Traurigkeit, Ablenkung, Aggressivität, Rückzug, Aufdringlichkeit, Flucht. Die Palette der Reaktionen auf emotionale Zurückweisung ist lang. Einem Menschen, der in seinem Kummer Rückzug und Einsamkeit sucht, ist mit dem Rat "Geh raus und lenk dich ab!" wenig geholfen.
Denn was dem einem hilft, hilft dem anderen noch lange nicht. In der Homöopathie wird nicht der Liebeskummer behandelt, sondern der Mensch, der gerade Liebeskummer hat. Deshalb kann jedes einzelne Mittel aus dem großen Schatz der homöopathischen Arzneien sein Heilmittel sein. Es gibt zwar einige Mittel, die mehr Bezug zu Kummer haben als andere, so wie zum Beispiel Ignatia oder Natrium muriaticum, aber man muss immer die Besonderheiten des einzelnen Menschen erforschen, wenn man das richtige Mittel finden will. Dann hilft man, den Kummer in der Tiefe des Herzens aufzulösen, und die natürliche Lebensfreude kommt wieder zum Vorschein. Im Folgenden sind einige Fallgeschichten dargestellt, von verschiedenen Menschen, denen verschiedene Mittel geholfen haben.
Eine 30jährige Frau, schlank, blond, Mutter von 2 kleinen Kindern, kommt völlig aufgelöst in die Praxis. Ihr Mann hat seit einiger Zeit eine Geliebte, und als sie dahinter kam und ihn hochemotional zur Rede stellte, meinte er ungerührt, er habe genug von dem ganzen Theater mit ihr, wolle endlich wieder seine Freiheit haben, packte seine Sachen und ging. Eigentlich dachte sie, er würde am nächsten Tag wieder zurückkommen, denn er hat schon öfter mal bei Streitigkeiten das Haus verlassen, aber jetzt sind bereits 10 Tage vergangen, und er hat nichts von sich hören lassen. Sie kann nachts nicht mehr schlafen und wird von extremen Gefühlsschwankungen gebeutelt, von tiefster Traurigkeit und Verzweiflung bis zu einer enormen Wut, wie er ihr nur so etwas antun konnte. Schließlich hat sie alles für ihn getan und sogar den geliebten Beruf wegen der Kinder aufgegeben, weil er gerne wollte, dass sie zuhause bleibt. Ihre Neurodermitis, die sie in den letzten Jahren gut in Griff gekriegt hat, ist wieder ausgebrochen, juckende Ekzeme an Armen und Beinen quälen sie, und außerdem leidet sie an Magen- und Darmkrämpfen und kann fast nichts essen.
Nach Staphisagria werden ihre Haut und ihre Darmbeschwerden besser. Außerdem wird die Verzweiflung weniger, und die Wut kommt deutlicher an die Oberfläche. Ich ermuntere sie, dieser Wut Ausdruck zu geben, was sie sehr erleichtert. Sie erkennt, dass sie sich schon seit vielen Jahren immer mehr auseinandergelebt und in unterschiedliche Richtungen entwickelt haben. Staphisagria hilft ihr durch den leidvollen Weg der Selbsterkenntnis. 1 Jahr später findet sie einen neuen Partner, und das Zusammenleben mit diesem entwickelt sich viel harmonischer als mit dem alten.
Eine 60jährige beleibte Frau mit säuerlicher Ausdünstung kommt wegen akuter Schlafprobleme und nächtlichem Herzklopfen zu mir in die Praxis. Sie erzählt, dass die Beschwerden begannen, als sie ihr Mann vor drei Monaten wegen einer Jüngeren verlassen hat - und dann beginnt sie zu weinen und schafft es kaum mehr, weiter zu erzählen, weil sie ständig von Weinkrämpfen geschüttelt wird. Nach 40jähriger Ehe sei ihr das passiert, und jetzt sei sie völlig allein und verlassen, der Mann sei weg, der einzige Sohn lebe in einer anderen Stadt und habe keine Zeit für sie, und zu ihren Freunden könne sie nicht mehr gehen, weil sie denen nicht mit ihrem ständigen Weinen auf die Nerven gehen wolle, und außerdem könne sie Leuten, die noch Kontakt mit ihrem Mann hätten, sowieso nicht mehr in die Augen schauen. Und jetzt bekommt sie nachts Herzklopfen und Engegefühle und Stiche in der Brust, so dass sie aufstehen und umhergehen muss, obwohl sie bereits Schlaf- und Beruhigungsmittel von ihrer Hausärztin nimmt. Außerdem wird sie von vielen Ängsten in Bezug auf ihre Gesundheit und ihre finanzielle Situation gequält. Am schlimmsten ist es, dass sie sich von Gott und der Welt verlassen fühlt, und dieses Gefühl hat sie schon als 10jähriges Kind gehabt, nach dem Tod des Vaters, als sie in ein Klosterinternat gesteckt worden ist. Nach der wiederholten Gabe von Magnesium muriaticum bessert sich ihre nächtliche Unruhe, und die Herzbeschwerden verschwinden. Sie kommt wieder mehr zu Kräften, weil sie besser schlafen kann, und sie entschließt sich auch zu einer Psychotherapie. Stück für Stück, immer wieder mit homöopathischer Unterstützung, findet sie neuen Lebensmut und inneren Frieden.
Ein junger Mann von 27 Jahren, Sohn einer Patientin von mir, ruft auf ihr Anraten bei mir an und will einen Termin machen. Routinemäßig frage ich schon am Telefon, um was es gehe und ob es dringend sei. Er druckst ein wenig herum und plötzlich redet er ohne Punkt und Komma, er sei so schrecklich unglücklich, er habe den Verdacht, daß seine Freundin hinter seinem Rücken mit seinem besten Freund "rummache" und er könne vor lauter Wut und Angst und Eifersucht keinen normalen Gedanken mehr fassen. Ich biete ihm an, am selben Abend noch zu kommen. Er kommt überpünktlich, offensichtlich aufgeregt und nervös. Angezogen ist er ziemlich auffällig, senfgelbes, schickes Hemd und Hosen in psychodelischem Muster, am Hemd sind ein paar Knöpfe offen. Dann berichtet er ausführlich über seine Beziehung: er sagt, er habe tollen Sex mit ihr, das sei einmalig und jetzt befürchte er aber, daß sie das auch mit seinem Freund "treibe". Auf die Frage, warum er das befürchte, kann er mir keine schlüssige Antwort geben. Nur, daß er das irgendwie spürt und daß er vor seinem Auge immer die Freundin mit dem Freund im Bett sieht. Er stellt sich die schlimmsten Sachen vor, leidenschaftliche Umarmungen und noch einiges mehr. Er wird während des Redens immer aufgeregter und steigert sich in diese Eifersucht hinein, redet immer mehr und immer schneller. Während der Anamnese mache ich eine schnelle Repertorisation mit den wichtigsten Symptomen: Eifersucht, Eifersucht grundlos, Mißtrauen, redselig. Und da wir immer wieder um das Thema Sexualität kreisen, gebe ich ihm Hyoscyamus, das bekannt ist, daß alles in der Umgebung des Patienten schnell sexualisiert ist. Das Mittel bewirkt ein kleines Wunder. Er ruft eine Woche später an und alles ist wieder im Lot, er kann gar nicht mehr verstehen, wie er seinen Freund solcher Sachen verdächtigen konnte.