Was Träume verraten

Folgende Fallgeschichte hat mich viel gelehrt über den Umgang mit Träumen und welche Bedeutung sie für das Verständnis des Patienten, die Wahl des homöopathischen Arzneimittels und für den Behandlungsverlauf haben. Eine Patientin kam in homöopathische Behandlung wegen diverser körperlichen Beschwerden wie Gelenksschmerzen, Kopfschmerzen etc und auch einigen emotionalen Problemen, wie sehr starkes Pflichtgefühl was sie hindert ihr Leben zu leben, ihre Partnerlosigkeit bzw. dass sie sich immer in die "falschen" Männer verliebte und einem gewissen Gefühl von innerer Einsamkeit. Sie hatte immer wieder folgenden Traum: Sie hat etwas sehr Enges an, so etwas wie ein ganz enges T-Shirt oder einen viel zu engen Gummianzug. Sie möchte die enge Kleidung abstreifen, aber es gelingt ihr nicht.
 
Was fangen wir nun mit diesem Traum an, welche Bedeutung hat er für das Verständnis des Patienten, wie ist er zu interpretieren und welche Rolle spielt dieser Traum für die Wahl des homöopathischen Arzneimittels. Hierzu nun erstmal einige Anmerkungen über den Umgang und die Bedeutung von Träumen aus der Schlafforschung und der Psychologie.
 
Die moderne Traumforschung versteht Träume heute als psychisches Erleben im Schlaf, das geprägt ist von visuellen und akustischen Wahrnehmungen. In diesem Bewusstseins-Zustand treten die kognitiven Fähigkeiten wie begriffliches Denken und kausal-logisches Erinnern in den Hintergrund. Eine Differenzierung zwischen dem psychischen Erleben und der körperlichen Sinneswahrnehmung ist dabei weitgehend aufgehoben. Unterteilt man die Träume nach dem Inhalt des Traumes, so gibt es hauptsächlich drei verschiedene Arten von Träumen:

  • Alltagsträume: wir verarbeiten Dinge im Traum die wir am Tag erlebt haben, von Arbeit, Alltäglichem, was wir gelesen, gelernt haben etc. Diese Träume sind ein Beitrag zur Alltagsbewältigung.
  • Wunsch und Phantasie Träume: Träume von Dingen die wir uns tief innerlich wünschen, die aber vielleicht im Widerspruch zu gesellschaftlichen Konventionen stehen. Hierzu zählen z.B. sexuelle Träume, visionäre Träume.
  • Ängste und Befürchtungen: Träume z.B. über der Tod oder den Verlust von nahe stehenden Personen.

Wir träumen in allen Phasen des Schlafs, erinnerlich sind uns die Träume jedoch nur wenn wir in den REM-Phasen (= rapid eye movement - Schlafphase mit schnellen Augenbewegungen bei geschlossenen Augenlidern) erwachen. Träume spielen in der Menschheitsgeschichte seit Tausenden von Jahren eine große Rolle. Sei es in den Schilderungen der Bibel im Alten und Neuen Testament, beim Orakel, der Mythologie oder in den Behandlungen bei den ersten großen Ärzten des Altertums, beim Tempelschlaf. Immer ging es um die zentrale Frage, die Botschaft, die Bilder aus den Träumen zu deuten oder zu verstehen, um unerklärliche Phänomene für den Menschen zu erklären oder daraus Schlussfolgerungen für die Zukunft zu ziehen. Bei den Naturvölkern, wie z.B. den Zaparas in Amazonien, sind Träume "die andere Seite der Wirklichkeit."
 
Welche Bedeutung kommt den Träumen in der homöopathischen Behandlung zu? Träume können tiefe innere Ängste, Phantasien, Themen offenbaren, die dem Bewusstsein nicht zugänglich sind. Im Traum kann auch ein unbewusster Konflikt oder ein tiefes seelisches Trauma zum Ausdruck kommen. Dies ist oftmals bei den Wiederholungsträumen der Fall, wie sie z.B. häufig bei Missbrauch vorkommen. Berichtet ein Patient von einem Traum, so ist es für mich immer wichtig zu fragen, welches Gefühl er im Traum oder beim Erwachen aus dem Traum hatte. Fühlte sich der Patient zum Beispiel bedroht, hilflos oder alleingelassen und taucht dieses Gefühl im Laufe der Anamnese auch bei Erzählungen aus seinem Leben wieder auf, so ist dies eine Bestätigung für mich, dass der Traum ein tiefes inneres Gefühl zum Ausdruck bringt. In diesem Fall würde ich zum Beispiel nicht so sehr den Trauminhalt berücksichtigen sondern mehr das innere Gefühl in den Vordergrund stellen. Grundsätzlich kann man sagen, dass Träume ein Ausdruck der Individualität des Patienten sind. Sie können ein wichtiger Aspekt, ein kleines oder bedeutendes Mosaik im Erfassen und Verstehen des individuellen Krankheitsbildes des Patienten sein. Denn gerade darauf zielt die homöopathische Behandlung ab: das individuelle "Muster" des Patienten zu erkennen und mit diesen Informationen das homöopathische Heilmittel herauszuarbeiten, was diesem am ehesten entspricht. Als Homöopath arbeiten wir wie ein Kommissar bei der Aufklärung eines Verbrechens. Wir berücksichtigen Symptome aus dem körperlichen, dem allgemeinen, dem emotionalen und dem geistigen Bereich. So wie ein Kommissar sich nicht ausschließlich auf das Alibi, ein Motiv oder Indizien kapriziert, sondern alle Informationen zu einem "Bild" zusammensetzt, um den Täter dingfest zu machen.
 
Kommen wir nun zurück zu unserer Patientin. Wenn wir die Traumsymptome direkt im homöopathischen Repertorium (Nachschlagewerk mit Auflistung vieler Symptome und den entsprechenden homöopathischen Arzneimitteln) nachschlagen, finden wir in den Rubriken Träume hartnäckig, Träume unangenehm oder auch Träume von körperlicher Anstrengung, überall das homöopathische Arzneimittel Natrium muriaticum. Eines der Charakteristika von Natrium muriaticum auf der emotionalen Ebene ist, das sie sehr verletzlich sind. Weil sie so empfindlich sind, werden sie oft verletzt, verschließen sich, werden eng, ziehen sich zurück, können Kontakt nicht ertragen. Sie verweilen in der Vergangenheit, halten an vergangen Kränkungen, Kummer und Demütigungen fest. Meist sind diese Menschen sehr verantwortungsbewusst, gewissenhaft und zeichnen sich aus durch ein ausgeprägtes Pflichtgefühl. Auch die Träume können ein trauriges Thema zum Inhalt haben, immer wieder dasselbe Thema beinhalten von Gefangennahme oder Selbstvorwürfen handeln. Hier können wir erkennen, dass die Träume auch den tiefen inneren Konflikt widerspiegeln und in eine bildhafte Sprache bringen.
 
Diese Patientin hat das Arzneimittel Natrium muriaticum erhalten. Nachdem sich die Heilkraft dieses Arzneimittels entfaltet hatte, träumte die Patientin folgendes: Sie hat wieder - wie so oft - diese enge T-Shirt mit mehreren Schichten oder diesen engen Gumminanzug an. Es ist ihr alles zu eng und sie nimmt eine Schere und schneidet das T-Shirt oder den Anzug auf, sie befreit sich. Ihr Gefühl dabei war, dass durch das Aufschneiden der engen Kleidung eine ganz neue Qualität, eine Befreiung in ihrem Leben stattgefunden hat. Dies erlebte sie auch in anderen Bereichen. Zum einen waren die körperlichen Beschwerden, unter denen sie anfangs gelitten hatte, weitgehend beseitigt oder verringert, zum anderen fühlte sie sich emotional viel "freier", offener. Sie knüpfte neue Kontakte, konnte viel mehr auf andere Menschen zugehen, fühlte sich sogar auf einem Fest recht wohl, was sonst für sie eher eine unangenehme Situation war. Insgesamt war sie zuversichtlicher, fühlte sich wohl und war bereit etwas in ihrem Leben auszuprobieren, was für sie eine große Veränderung war.
 
Beeindruckend an diesem Traum war für mich, dass durch die Heilkraft des homöopathischen Arzneimittels sich das "Drehbuch", das Handeln im Traum verändert hat. Nun hatte Sie endlich eine neue Option, die bis dato überhaupt nicht existiert hatte, nämlich sich durch die zu Hilfenahme eines Werkzeugs, einer Schere zu befreien. Die Wirkung des homöopathischen Arzneimittels war in diesem Fall so tiefgreifend und bis in die Schichten des Unbewussten, dass sie selbst im Traum - und auch im alltäglichen Leben - eine Veränderung und Befreiung erlebte. So betrachtet hat der Prozess der Genesung, der Gesundung immer auch etwas damit zu tun, eine weitere Option, eine weitere Möglichkeit zu haben und sich von den festgefahrenen Muster zu lösen und eine größere innere Freiheit zu entfalten.